68. Jahrgang

Auktionsberichte

353. Schwanke-Auktion: Die tanzende Schildkröte von Acre


24.10.2015 | Zu den Höhepunkten der letzten Versteigerung des Jahres beim Ham­burger Traditionshaus Schwanke gehören die „Schwanke Specials“, kleine und große Lose, meist „marktfrisch“ und stets zu attraktiven Start­preisen. Am 20. und 21. November kommen darüber hinaus rund 4500 weitere Lose unter den Hammer, bei denen die internationale Philatelie mit 1400 Positionen stark vertreten ist. Ähnlich umfangreich präsentieren sich die deutschen Sammelgebiete. Über 1700 Samm­lungen, Posten und Partien bilden den Abschluss. Von hochwertigen Spezialsammlun­gen bis hin zu Händlerposten ist alles dabei.


Ein Musterbogen kam durch

1899 im tiefsten Dschungel Amazo­ni­ens: Hier liegt die Provinz Acre im Drei­eck zwischen Peru, Bolivien und Bra­silien. Ein Gebiet von rund 165 000 Quadratkilometern und damit immerhin fast halb so groß wie das deutsche Staatsgebiet. Kautschuk ist der Rohstoff der Stunde, es ist die Zeit, in der das riesige Opernhaus in Manaus entsteht und die Kautschukbarone sich ihre Zigarren mit 100-Dollar-Noten anzünden. Acre möchte sich von Bolivien ab­trennen und sucht den politischen An­schluss an Brasilien. Im Jahre 1899 kommt es zu einer Revolution, und der Abenteurer Luis Galvez, der selbsternannte "Kaiser von Amazonien", ruft die Republik Acre aus. Doch alles ist nur von kurzer Dauer. Nach ein paar Jahren Revolution und Gegenrevolution kauft schließlich im Jahre 1903 Brasilien das Gebiet für 2 Millionen Pfund von Bo­livien. Heute ist Acre das westlichste De­partement Brasiliens. Kautschuk wird noch immer gesammelt.

Zu den hoheitlichen Insignien eines neu entstandenen Staates zählt traditionell die Ausgabe eigener Münzen und Brief­marken, und so nimmt es nicht Wun­der, dass auch der neue Herr in der Re­publik einen Druckauftrag für Briefmar­ken erteilt. Hintergründe und Details beschreibt Wolfgang Baldus in seinem Werk "The Postage Stamps of the IN­DEPENDENT STATE OF ACRE". Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Die für Acre bestimmte Briefmarkenlie­fe­rung wird von einem brasilianischen Kanonenboot abgefangen und verbrannt. Nur ein einziger Bogen des Wertes zu 300 Reis war - sozusagen als Musterbogen - auf anderem Weg von der Druckerei in Buenos Aires in das Revolutionsgebiet gelangt. Von diesen Marken sind heute nur noch fünf bis sechs Exemplare bekannt (Wolfgang Baldus listet in seinem o.g. Werk vier Exem­plare auf). Sie darf zu den seltensten Brief­marken der Welt gezählt werden. Im Mittel­punkt des Bildes sehen wir einen Gum­mibaum, links davon eine kleine Hütte, wie sie vielleicht von einem Gummisammler bewohnt wurde, und rechts vom Baum tanzt fröhlich eine kleine Schildkröte. Dieses Motiv bezieht sich auf eine Fabel aus der Welt der indigenen Bevölkerung. In der Le­gende gelingt es einer kleinen Schild­kröte, durch eine schlaue List ihrem si­cheren Tod zu entgehen - und wird da­mit zu einem Symbol, wie sich je­mand durch seine eigene Klugheit und Geis­tes­ge­genwart aus einer sehr prekären La­ge befreien kann.

Sucht man nach Auktionsergebnissen dieser Marke, findet man zwei Resul­tate aus 1985 (Feldman, Genf, Zu­schlag 7500 Franken) und aus 1994 (Christies, New York, 5000 US Dollar). Das von Schwanke im Rahmen der "Specials" angebotene Stück ist die Nummer 4 im Zensus von Wolfgang Bal­dus, das vermutlich erstmalig in Deutschland unter den Hammer kommt. Die Marke besitzt noch ihre Originalgummierung, die durch Kristallisierung einige Craquelées ausgebildet hat (zwei der anderen bekannten Stücke weisen keine Gummierung auf). Sie ist vollzähnig und fehlerfrei und, wie alle bekannten Exemplare, et­was nach links dezentriert. Eine einmalige Gelegenheit, etwas wirklich Ausge­fal­lenes zu erwerben!

Schwerpunkt Skandinavien

"Phantom-Briefmarken" oder "Marken, dies es nie in Michel-Katalog geschafft haben" sind eine besondere Abteilung der 2015er-Specials von Schwanke. Da­zu gehört auch ein Beleg von Clip­per­ton Island, einer unbewohnten Insel mitten im Pazifik, auf der vor rund 120 Jahren der Guano-Abbau begann. Ob die Handvoll Arbeiter aber wirklich Brief­marken brauchten, darüber lässt sich trefflich debattieren.

Zu den vielen großartigen Altdeutsch­land-Stücken gehört eine "Pilger-Kar­te" von Helgoland, die als historisches Schlüsselstück der UPU-Philatelie gilt. Im Juni 1879 veranlasste der Helgo­län­der Postmeister Pilger, eine geringe Men­ge Helgoländer Postkarten mit einem amtlichen Text zu bedrucken, der UPU-Belange zum Inhalt hatte, und an Post­kunden zu verschicken. Unge­zähnte Block­ausgaben vom Deutschen Reich fehlen ebenso wenig wie kaum einmal gesehene Abarten der Franzö­sischen Zone oder der Hochwasser-Blockaus­ga­be des Saarlandes.

Von Russland steht der einzig existierende postfrische Satz der Flugpostserie von 1923 zum Verkauf. Skandinavien wird in den Specials dieses Mal groß geschrieben. Eine Finnland MiNr. 1 auf Luxusbrief sucht ebenso einen neuen Liebhaber wie eine feine Dänemark MiNr. 2 auf Brief, Buntfrankaturen der Erstausgaben Norwegens oder Schwe­dens oder ein finnischer Zeppelin-Fehl­druck postfrisch.


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26.11.2017 Groß­tausch­tag
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