68. Jahrgang

Auktionsberichte

Unverhofft kommt oft: Eine Brustschild-Rarität zum Geburtstag!


25.02.2011 | Vor 20 Jahren veranstaltete Dr. Reinhard Fischer, zu dieser Zeit schon länger als Versandhändler im Geschäft, seine erste Briefmarkenauktion. Mit seiner 117. Versteigerung am 11. und 12. März feiert er nicht nur ein rundes Jubiläum, sondern kann mit einem Gesamtausruf von 1,85 Millionen Euro das mit Abstand größte Angebot der Firmengeschichte präsentieren. Unter den vielen Leckerbissen ragt eine neu entdeckte ungezähnte Brustschildmarke heraus.


Im MICHEL bisher unbekannt

Im Oktober 2009 bekam ein eifriger Phil­atelist von seinem Bruder zum Ge­burtstag eine urige Pelikan-Schreib­bänder-Schachtel geschenkt, in der sich jedoch keine Schreibmaschi­nen­bän­der befanden, sondern alte Brief­marken. Der Kenner sah schnell, dass es sich um einen Bestand handelte, der offensichtlich seit Jahrzehnten vor sich hinschlummerte. Doch der Euphorie folgte zunächst die Ernüchterung. Die vielen hundert Briefmarken von Belgien bis Türkei, die sich sorgsam nach Ge­bieten getrennt in Kuverts befanden, waren durchweg kleine Wertstufen aus den gängigen Freimar­kenserien um 1900 bis Anfang der 30er Jahre. Somit Briefmarken, die einem Philatelisten geläufig sind, und die man im Laufe der Jahre bis unter die Decke stapeln kann. Die ganze Hoffnung konzentrierte sich nun auf das Kuvert mit den Briefmarken des Deutschen Reiches. Als unser Sammler es ausschüttete, fielen neben einigen Germania-Marken auch Briefstücke mit Brustschilden zu 1 Groschen heraus, einer damals gewöhnlichen Frankatur. Die Brustschildmarken hatten ihn schon immer fasziniert, denn hier gibt es zahlreiche Platten­fehler, Zähnungsbesonderheiten wie ausgefallene Zähnungslöcher oder rau­he Zähnung, Prägefehler und Dop­pel­prägungen, Schraubenkopfabdrücke, besondere Entwertungen einschließlich Ersttagsabstempelungen bis hin zu späten Verwendungsdaten aus 1875 zu entdecken.

Beim Studium der einzelnen Briefstücke blieb sein Auge an einer 1-Groschen-Marke hängen, die ganz offensichtlich ungezähnt geblieben war. Ein Blick durch die Standlupe zeigte einen allseits breiten, roten Markenrand, aber keine Zähnung. Der MICHEL-Deutsch­land-Spezial-Katalog wurde zu Rate gezogen, denn un­gezähnte Brust­schildmarken sind seit langem be­kannt. Eine Mi­Nr. 4 U fand sich allerdings in der Auflistung nicht. Dem Sammler kamen Zweifel, ob es sich nicht um einen aus ener Ganzsache ausgeschnittenen Wert­stempel handelte, deren Verwendung als Frankatur damals erlaubt war. Ein Vergleich mit einem Ganzsachen­um­schlag 1 Groschen kleiner Brustschild zeigte aber, dass der Wertstempel nur winzig schmale rote Ränder hatte. Nun folgte eine genaue Untersuchung mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mit­teln (u.a. Schwarzlichtlampe), an deren Ende sich der Philatelist sicher war, dass keine Manipulation (abgeschnittene Zähnung) vorlag. Gewiss­heit brachte dann die Einschaltung von Verbandsprüfer Hansmichael Krug, der die Marke als echte MiNr. 4 U attestierte. "Die gekreuzte Federzug-Entwer­tung halte ich ebenfalls für echt", schrieb er in seinem Attest vom 29. De­zember 2009. "Die Marke klebt ur­sprünglich auf dem Briefstück, ist deutlich geprägt, allseits mit breiten Rän­dern und bis auf leichte Eckbüge in einwandfreier Erhaltung."

Hansmichael Krug waren von der 1 Groschen kleiner Brustschild bereits zwei weitere ungezähnte Exemplare be­kannt. Eines auf Briefstück mit Rah­menstempel von Dresden stammt aus der Ferrari-Sammlung. Es wird im Kohl-Handbuch als anscheinend einwandfrei ungezähntes Stück beschrieben, dessen senkrechte Ränder geschnitten sind, während die waagerechten Rei­hen des Bogens zuerst gebrochen und dann gerissen wurden. Über den Ver­bleib dieses Exemplars ist nichts genaues bekannt. Eine weitere Ungezähnte vom unteren Bogenrand ist als Ein­zel­frankatur auf Faltbriefhülle von Coblenz nach Limburg/Lahn registriert. Sie ist ebenfalls im Kohl-Handbuch aufgeführt. Bei dieser Marke wurde der obere Bildrahmen abgeschnitten, und sie zeigt somit nur an drei Seiten breite rote Ränder. Der Brief wurde auf der 336. Köhler-Auktion im März 2009 in Wiesbaden bei einem Ausruf von 25 000 Euro mit 46 000 Euro zugeschlagen. Die Abart wird übrigens in den nächsten MICHEL-Spezial, der im Frühjahr erscheint, aufgenommen.

Aus dünnem Heft wurde stattlicher Katalog

Dr. Reinhard Fischer ruft das Briefstück mit dem 3. bekannten Exemplar der Brustschild-Rarität im Rahmen seiner Jubiläumsauktion mit vorsichtig ge­schätzten 10 000 Euro aus. Mit 20 Jah­ren, zu Beginn seines VWL-Studiums in Bonn, stieg der heutige 46-Jährige ins Briefmarkengeschäft ein. Leser der Fach­zeitschriften lernten sein Unternehmen zunächst als Versandhaus mit einem sehr umfangreichen Angebot der an­spruchsvollen Philatelie kennen. "20 Jah­re ist es nun her, seit der erste Auk­tionskatalog fertig gestellt wurde. Es war damals eine aufregende Zeit", er­innert sich der Firmengründer, der im­mer noch in der Rechtsform des "eingetragenen Kaufmanns" (e.K.) firmiert und persönlich mit seinem ganzen Ver­mögen haftet. "Deutschland war ge­rade einmal ein paar Monate wiedervereinigt, Saddam Hussein hatte Ku­wait besetzt, und der erste Golfkrieg stand unmittelbar bevor. Merkwürdi­gerweise machte uns damals aber am meisten Sorgen, dass die Deutsche Post - seinerzeit gerade erst mit der Deut­schen Post der DDR vereinigt - erhebliche Probleme hatte und manche Kataloge erst wenige Tage vor der Auktion ankamen." Der erste Katalog - ein recht dünnes, aber farbiges "Heft" mit 2300 Losen - fand Anklang bei den Sammlern, und in den folgenden Jahren wurde das Auk­tionsgeschäft zum Wachstumsfaktor. 1998 begründete die Versteigerung der "Mannstaedt"-Sammlung den Ruf als eines der führenden Häuser für die Be­setzungsausgaben des Zweiten Welt­kriegs. Im Jahr 2000 folgte die Auflö­sung der Mayflower-I-Sammlung - der Sonderkatalog USA wurde zum Nach­schlagewerk. Der Umzug in die ehemalige Berliner Landesvertretung in der Joachimstraße 7 im Jahr 2001 brachte nicht nur die dringend benötigten größeren Räumlichkeiten: Dr. Fischer "erb­te" als Relikt des Kalten Krieges einen "fast atombombensicheren" Tresor­raum im Keller, ideal für die Aufbe­wahrung der Auktionsware. 2007 war ein äußerst erfolgreiches Geschäftsjahr. Sowohl die Mayflower-III-Sammlung (USA/Übersee) als auch die General­sammlung Ernst Merk trugen zu einem Millionenumsatz bei. Mit wachsendem Erfolg wurde seitdem das Briefmarken­angebot mit Münzen ergänzt, die in­zwischen zu einem Drittel des Um­sat­zes beitragen. 2010 war mit Abstand das erfolgreichste Jahr der Firmen­ge­schichte. Mit der 112. Auktion im Mai 2010 konnte erstmals der Umsatz von 1 Million Euro in einer Auktion überschritten werden. 15 Mitarbeiter er­wirt­schafteten einen Gesamtumsatz von 3,8 Millionen Euro.

Schwerpunkte bei Kolonien und Besetzungsausgaben

Die Jubiläums­auk­tion im März um­fasst über 10 300 Lose mit so manchem philatelistischen Leckerbissen. Im Bereich Alt­deutsch­land wird eine nahezu komplette gestempelte Samm­lung in überdurchschnittlicher Qualität aufgelöst. Dabei sind z.B. Baden MiNr. 17 b (1100 Euro), Bayern "Schwarzer Einser" MiNr. 1 IIa mit Plattenfehler auf Briefstück (1500 Euro) oder Sachsen MiNr. 1 a (3500 Euro). Deutsches Reich startet mit einer Brust­schild-Spezialsammlung in 230 Losen. Neben der eingangs beschriebenen ungezähnten Brustschildmarke finden sich weitere Spitzenstücke wie die MiNr. 24 auf Briefstück mit teilweisem Prägeausfall (2000 Euro), MiNr. 23 b als Einzelfrankatur (1000 Euro) oder MiNr. 24 als Einzelfrankataur (2500 Eu­ro). Die späteren Ausgaben einschließlich Farben und Typen dürften kaum Wünsche offen lassen. Hervorzuheben ist eine postfrische MiNr. 425 X für 2500 Euro. Be­achtung verdienen auch zahlreiche Marken­heftchen wie MH MiNr. 11.2 A (180 Euro) oder MH 18.1 (360 Euro).

Traditionell stark bei Dr. Fischer sind die Deutschen Auslandspostämter und Kolonien, die mehr als 1400 Positionen umfassen. Durch die Auflösung einer postfrischen Sammlung kann diese bei den Kolonien begehrte Erhaltung reichlich geboten werden. Bessere Stempel, Briefe und Besonderheiten ergänzen die Offerte. Zu den Raritäten zählen die China MiNr. 3 Ia mit dem extrem seltenen, im Michel bisher nur gestempelt bewerteten Plattenfehler III (1000 Eu­ro), Wanderstempel "AUS" violett auf "KUBUB" auf Feldpostkarte (nur insgesamt acht Belege bekannt, dies ist der einzige Feldpostbeleg - 3700 Euro), "Erste Flugpost/Deutsch-Südwestafri­ka" auf Flugpostkarte (3800 Euro), Kiautschou MiNr. 27 A postfrisch (1700 Euro) und Samoa MiNr. V48 d mit dem seltenen, als Entwerter verwendeten Rah­menstempel "BEZAHLT KAISERL: DEUTSCHE POSTAGENTUR APIA" (800 Euro). Beispielhaft seien aus den Ne­bengebieten genannt: Marienwerder MiNr. 21 IIb ungebraucht (1000 Euro), Danzig MiNr. 11 aDD postfrisch (700 Euro) und Portomarken MiNr. 18 Y und 20 X Infla-echt gestempelt (450 bzw. 400 Euro) sowie Saar "Sarre auf Ba­yern" MiNr. 18-31 postfrisch (1200 Eu­ro), MiNr. 128-34 postfrisch (400 Euro) und MiNr. 134 "Braune Madonna" gestempelt (2000 Euro). Vom Sude­tenland kann Dr. Fischer neben einem schönen Angebot Reichenberg-Maf­fersdorf eine überkomplette Sammlung Rumburg detaillieren. Ebenfalls hervorragend bestückt sind auch die Aus­ga­ben der Deutschen Besetzung im Zwei­ten Weltkrieg und die Feldpost­aus­ga­ben: z. B. alle Legionärsmarken einschließlich Dä­ne­mark MiNr. I/III im Markenheftchen (1500 Euro), Schall­burg MiNr. IV/V im Paar (1500 Eu­ro), Litauen MiNr. 10-18 auf Brief­stück (600 Euro), Montenegro Mi­Nr. 19 ungebraucht (1100 Euro), Alexanderstadt MiNr. 9 postfrisch (5000 Euro), Zante Porto MiNr. 1-11 postfrisch (2000 Euro) Feldpost MiNr. 11 Aa postfrisch (1200 Euro) und MiNr. 14 I ungebraucht (Kuban-Päckchenmarke - 2000 Euro).

Die Ausgaben nach 1945 werden er­öffnet mit einem exzellenten Angebot der Lokalausgaben, dabei Raritäten wie Löbau MiNr. 1 postfrisch (450 Eu­ro) und Saulgau MiNr. XII/XXIV post­frisch (500 Euro). Von den Kontroll­ratsausgaben gibt es ein hervorragendes, nach Farben und Typen stark spezialisiertes Angebot, ebenso für die AM-Post-Ausgaben. Bund lockt mit Abarten wie MiNr. 137 Y postfrisch (1100 Euro) und 150 Z postfrisch (750 Euro). Highlights der SBZ und DDR sind die MiNr. 41 "Potschta" als Ein­zelfrankatur (1400 Euro) und die MiNr. 334 vbXI postfrisch (2000 Euro).

Europa - hier ist die Schweiz sehr um­fangreich - und Übersee schließen sich an. Der Sammlungs-Teil umfasst 1776 Objekte, vom Nachlass bis zur Spe­zial­sammlung, vieler Gebiete. 1419 Lose mit einem Gesamtausruf von knapp 350 000 Euro enthalten Münzen. Da­bei gibt es ein hervorragendes Ange­bot Deutsches Reich und Staaten so­wie Danzig und Kolonien. Spitzenstück ist ein 3-Mark-Stück, ausgegeben zur Goldhochzeit Ludwig des III von Ba­yern 1918. Wegen des Silbermangels im Ersten Weltkrieg wurden nur 130 Stück geprägt. Das bei Dr. Fischer angebotene Stück wurde von einer Urenkelin des Königs eingeliefert!


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