70. Jahrgang

Auktionsberichte

Rekordzuschläge für USA aus der ERIVAN-Sammlung


12.07.2019 | (pcp-wm) Wer im Laufe des letzten Jahres die Versteigerung der ersten beiden Teile der Bill-Gross-USA-Sammlung verfolgt hat, war bereits gut im Bilde, welches Potential der amerikanische Markt hat. Was sich aber am 22. Juni zu - aus europäischer Sicht - mitternächtlicher Zeit im Vereinsheim des Collectors Club von New York abspielte, spot­tete aller Vergleiche.


Der Ort der Auktion war von der Auktionsfirma H. R. Harmer mit Bedacht gewählt worden, ist dieser doch wie kein anderer mit Giganten der US-amerikanischen Philatelie historisch verbunden: mit Alfred Lichtenstein und dessen Toch­ter Louise Boyd-Dale, mit John R. Boker und vielen anderen. Was aber ab 6.30 Uhr nachmittags Ortszeit geschah, überraschte jeden, der dabei war. Mit Los 1 wurde eine Ikone der Postmaster Provisionals für 1 Mil­lion Dollar offeriert, die letztmalig 1967 bei einer Siegel-Versteigerung der Sammlung von Josiah K. Lilly jr. öffentlich angeboten worden war. Der legendäre "Blue Boy"-Brief von 1847 erreichte den festgelegten Ausruf­preis und dürfte mit dem Aufgeld von 18% den neuen Besitzer eine gute Million Euro gekostet haben. Danach ging es aber erst recht zur Sache. Kein Los blieb liegen, alles (bis auf ein zurückgezogenes Los) wurde verkauft und dies zu Steigerungen, die exorbitant waren. Verdoppelungen und Verdrei­fachungen waren eher die Ausnahme, 5-fach, 10-fach, 20-fach und noch weit hö­here Zuschläge kamen häufig vor! Man trau­te seinen Augen nicht.

Dem Gesamtausrufwert von ca. 1,39 Millio­nen US Dollar stand am Schluss ein Ge­samtzuschlagsergebnis von fast 2,6 Millio­nen US Dollar gegenüber. Dieter Michelson, Mitinhaber des Glo­bal Philatelic Net­work, zu dem das New Yorker Haus H. R. Harmer zählt, schilderte gegen­über dem pcp sei­nen Eindruck: "Unsere Auktion in New York war ein Erlebnis! Die Ergeb­nisse der Versteig­erung sind schlicht als sensationell zu bezeichnen, wie der des Erst­tags­briefes des Pony Express. Dieser brachte bei einem Startpreis von 100 000 US Dollar sa­genhafte 250 000 US Dollar. Selten erlebt man, das jedes Los einer Auktion den Be­sitzer wechselt. Bei dieser Auktion war es so, fast jedes Los war heiß umkämpft und brach­te meist ein Vielfaches des Startpreises. Be­sonders hervorzuheben ist das Internetbie­ten, das den Auktionator teilweise zum er­freuten Zuschauer mutieren ließ.

Für mich persönlich als Auktionator waren die vergangenen zwei Wochen ein High­light meiner beruflichen Laufbahn. Zwei Mal hatte ich das Vergnügen, legendäre Stü­cke der Philatelie mit siebenstelligem Ergebnis zuzuschlagen: am 22. Juni in New York den 'Blue Boy' für 1 Million US Dollar und zwei Wochen vorher in Wiesbaden den legendären Baden-Fehldruck für 1,26 Millionen Euro. Dieses Erlebnis hatte vorher noch kein Auktionator in Deutschland, vielleicht sogar weltweit!“

Man mag ihm zustimmen, sollte aber auch bedenken, dass in den Vereinigten Staaten gerade diese frühen postgeschichtlichen Dokumente als eine Art nationaler Schatz der eigenen Geschichte angesehen werden. Postmaster Provisionals, Carriers und Locals, die Cicil War Patriotic Covers und die seltenen Belege der Express Companies sind historische Urkunden der frühen Zeit der USA in ihrem damaligen industriellen und gesellschaftlichen Aufbruch. Da verwundert es kaum noch, dass ausgesuchte "Fancy Can­cellation" wie das legendäre "running chi­cken" schnell mal von 7500 auf 50 000 US Dollar sprang (Los 119), selbst ein für 100 US Dollar ausgerufener Brief von 1869 mit dem Maple-Leaf-Zierstempel (Los 132) ei­nen Zuschlag von 9500 US Dollar erreichte. Amerika bleibt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - auch für Zuschläge in der Philatelie.


Bildbeschreibung: Legendär: der "Blue Boy" von Alexandria.

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