70. Jahrgang

Aktuelles von der Deutschen Briefmarken-Revue

Mythos Mauritius: Einmalige Sonderschau in Berlin!


04.08.2011 | Alle, die in der Philatelie Rang und Namen hatten, waren gekommen. Händler und Sammler aus 60 Nationen fanden sich am 3. November 1993 im Hotel International in Zürich-Oerlikon ein, um einem historischen Ereignis beizuwohnen. Der Genfer Auktionator David Feldman konnte im Rahmen seiner Mauritius-Versteigerung gleich fünf der berühmten Post-Office-Marken anbieten: je eine Blaue und eine Oran­gerote ungebraucht, eine Orangerote auf Brief und beide zusammen auf dem legendären "Bordeaux-Brief". Die Auktion hat die Mauritius-Marken in alle Welt verstreut, das Museum für Post und Kommu­nika­tion Berlin fügt sie im September wieder zusammen. Dr. Andreas Hahn, Leiter des Archivs für Philatelie, hat eine einmalige Ausstellung organisiert, in der rund drei Viertel aller 27 existierenden Mauritius-Marken zu sehen sein werden!


Königlicher Dummkopf

Die Geschichte der berühmten Mauri­tius Post Office ist reich an Anekdoten. Eine der schönsten ist die von James Bonar, der kurz nach Weihnachten 1903 in seinem Haus in London einen Stapel alter Papiere durchstöberte. Dabei fand er ein Notizbuch, das er in seiner Jugend als Briefmarkenalbum benutzt hatte. Am selben Abend zeigte er seinen Fund einer zum Dinner eingeladenen Freun­din der Familie, die Briefmarkenkennt­nisse besaß. Miss Tho­mas entdeckte beim Durchblättern des Al­bum zunächst nichts Auf­regendes. Doch dann stieß sie auf eine Marke, die sie in höchstes Erstaunen versetzte: eine perfekt erhaltene Blaue Mau­ritius! Miss Tho­mas riet dem Haus­herrn, einen Briefmarkenexper­ten aufzusuchen, weil es sich nach ihrer Meinung um eine sehr wertvolle Briefmarke handelte. Bonar wandte sich an Nevile Lacy Stocken von der Firma Puttick & Simp­son. Stocken bestätigte die Echtheit der Marke und stellte einen guten Erlös in Aus­sicht, wenn sie über eine Auktion verkauft würde. Bonar vertraute Stocken, der das Haus mit der Blauen Mau­ritius verließ. Dem Brief­markenexperten lief bei dem Gedanken, was er in seiner Ta­sche mit sich führte, ein kalter Schau­er über den Rücken.

Der glückliche Finder Bonar hatte während seiner Schul­zeit in Schott­land, ungefähr 40 Jahre zuvor, Briefmarken gesammelt. Damals war es üblich, die Briefmarken mit Leim auf den Albenblättern zu befestigen. So machte er es auch mit der Blauen Mauritius. Stocken schnitt deshalb die Marke zusammen mit dem Stück Albumpapier, auf dem sie klebte, aus. Der Leim hatte das po­röse Marken­papier bereits durchdrungen, so dass er sich entschloss, sie kurz in kochendes (!) Wasser zu legen. Der Gummi löste sich dabei auf, das Al­bumpapier ließ sich entfernen, und zum Vorschein kam eine der schönsten bekannten Blauen Mauritius'. Deren Entdeckung sorgte für weltweite Schlag­zeilen. Als bekannt wurde, dass sie am 13. Januar 1904 in den Leicester Squa­re Galleries versteigert werden sollte, machten sich prominente Sammler oder deren Agenten auf den Weg nach London. Zum Ent­setzen des Auktionshau­ses wollte James Bonar plötzlich die Blaue Mauritius zurückziehen. Er hatte eine private Offerte über 1000 Pfund erhalten. Bonar ließ sich im letzten Mo­ment davon überzeugen, dass eine Ver­steige­rung einen größeren Erfolg versprach. Das Auktionshaus sollte Recht behalten.

Der Auktionssaal quoll über mit potentiellen Käufern aus aller Welt. Es war mucksmäuschenstill, als die Blaue Mau­ritius mit 500 Pfund startete. In Hun­derterschritten ging es rasch bis 1000 Pfund, dann bis 1300 Pfund. C.J. Phil­lips, der das deutsche Reichspost­museum vertrat, bot 1400 Pfund. Hu­go Griebert, der für den Berliner Händ­ler Philipp Kosack anwesend war, legte noch 20 Pfund drauf und sah sich als sicherer Sieger. Doch er wurde von J. Crawford übertroffen, der 1450 Pfund in den Saal rief und dafür den Zuschlag erhielt. Crawford war der Agent des Prinzen von Wales, der 1910 als König Georg V den Thron bestieg und Groß­britannien ein Vierteljahrhundert re­gierte. Prinz Georg schien schon vor der Auktion zu ahnen, dass nicht jedermann verstehen würde, warum man so viel Geld für eine einzige Briefmarke bezahlt. Deshalb bat er Crawford, den Erfolg unverzüglich zu telegraphieren, aber dabei bloß keinen Preis zu nennen. Kurz nach der Auktion fragte ein Höfling den späteren König, ob er ge­hört habe, dass ein Dummkopf 1450 Pfund für eine Briefmarke bezahlt habe. Georg antwortete prompt: "Ich war der Dummkopf!"

Nur 27 Exemplare registriert!

Für den späteren britischen König war 1904 ein erfolgreiches Jahr als Brief­mar­kensammler, denn neben der Blau­en Mauritius konnte er einen der drei bekannten Briefe mit der Orangeroten Schwester erwerben, in dem sich eine Einladung zum Gouverneurs-Ball be­funden haben soll. Doch nicht jede Ge­schichte um die Mauritius-Marken en­dete so glücklich. Ausgesprochenes Pech hatten der Engländer Walker und der Amerikaner Bratt, die in Indien systematisch suchten und in einem kleinen Ort, aus dem viele Gastarbeiter nach Mauritius abgewandert waren, tatsächlich eine Orangerote und eine Blaue Mauritius fanden. Bratt versteckte die Marken in seiner Uhr, die ihm prompt gestohlen wurde. Die Uhr tauchte wieder auf, die Marken jedoch waren weg. Der Dieb gestand nach seiner Festnahme, den "Papierabfall" in der Uhr vernichtet zu haben! Damit ereilte diese beiden Mauritius-Marken das Schicksal anderer Exemplare der Auflage von je 500 Stück, die verloren gegangen sind. Nachdem seit Jahr­zehn­ten keine neue Mauritius Post Of­fice mehr aufgetaucht ist, wird es wohl bei den literaturbekannten 27 Stück bleiben: 12 Blauen und 15 Orange­ro­ten. Aber selbst diese Zahl ist nicht hun­dertprozentig sicher. Die Nr. XXV ist seit über 90 Jah­ren nicht mehr gesehen worden; ein Foto ist nicht überliefert!

Nachdem die Idee über einige Jahre gereift war, hat Dr. Andreas Hahn, Lei­ter des Archivs für Philatelie der Mu­seumsstiftung Post und Telekom­mu­ni­kation, mit den Besitzern der Mau­ritius-Marken Kontakt aufgenommen, um eine einmalige Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin zu organisieren. In der dortigen Schatz­kammer, die für die Ausstellung eigens umgebaut wurde, werden vom 2. bis 25. Sep­tember 2011 mindestens 18 Mauritius Post Office zu sehen sein. So viele Mau­ritius-Marken waren noch nie auf ei­nem Fleck zu bewundern - und möglicherweise kommt kurzfristig noch das eine oder andere Exemplar hinzu! Die vor über 160 Jahren in der britischen Kronkolonie Mauritius herausgegebenen und nun in Berlin zu bewundernden Marken stammen unter anderem aus den Sammlungen Ihrer Majestät Königin Elisabeth II von England (es sind die beiden Mauritius-Marken, die Prinz Georg erwarb), der British Library, der Postmuseen in Den Haag und Stockholm, des Blue Penny Museums (Port Louis/Mauritius) sowie von einer Reihe privater Sammler. Eine Begleit­ausstellung sowie ein Katalog erläutern den Besucherinnen und Besuchern den historischen Hintergrund des "Mythos' Mauritius" und zeigen, was an diesen Marken nach wie vor fasziniert. Neben dem originalen Kostenvoranschlag zum Druck der Marken werden der einzige erhaltene Probedruck aus dem Entste­hungsjahr 1847 sowie drei Ab­züge von der heute verschollenen Ori­gi­naldruck­platte aus dem Jahre 1912 zu sehen sein.

Mindestens 18 Mauritius-Marken in Vitrinen

Höhepunkt der Schau ist das "Kron­ju­wel der Philatelie": Der mit einer Blau­en und einer Orangeroten Mauritius frankierte, auf rund vier Millionen Euro taxierte "Bordeaux-Brief". Dieser wird gemeinsam mit dem zweiten „Borde­aux-Brief“ präsentiert werden. 1904 hatte das Reichspostmuseum, das heutige Museum für Kommunikation Ber­lin, dieses mit einer ungestempelten Blauen Mauritius freigemachte Doppel des Bordeaux-Briefes erworben.

Einem Mythos zufolge ließ Lady Gomm, die Gattin des Gouverneurs von Mau­ritius, die Mauritius-Marken eigens herstellen, um die Einladungen zu ihrem Kostümball mit eigenen Postwertzei­chen aufzuwerten. Im Rahmen der Aus­stellung werden die letzten drei erhaltenen Exemplare der von Lady Gomm versandten Um­schlä­ge nun erstmals gemeinsam öffentlich gezeigt. Die so genannten "Ball Co­vers" sind jeweils mit einer Orangeroten One Penny Post-Office-Marke, der Roten Mau­ri­tius, freigemacht. Einer der Umschläge befindet sich im Besitz Ihrer Majestät Königin Elisabeth II von Eng­land, der zweite wird in der Philatelic Collection der British Library in London aufbewahrt, der dritte stammt aus einer privaten Sammlung.

Neben diesen fünf Briefen sind noch folgende Mauritius Post Office zu be­staunen:

die beiden ungebrauchten Blauen Mau­ritius aus der Sammlung von Kö­nigin Elisabeth II und der British Library (Nr. XXIV und XIV),

die Orangerote und die Blaue Mauritius ungebraucht (Nr. X und III) aus dem "Blue Penny Museum" in Port Louis (Mauritius);

die Orangerote und die Blaue Mauritius jeweils gestempelt (Nr. IV und IX) aus dem Postmuseum in Stockholm,

die ungebrauchte Blaue Mauritius aus dem Postmuseum in Den Haag (Nr. VI),

die lose, ursprünglich gebrauchte Orangerote Mauritius (Nr. XXVII),

eine gebrauchte Orangerote Mau­ritius (Nr. VIII) von einem vermutlich deutschen Sammler,

eine weitere gebrauchte Orange­rote Mauritius (Nr. XI) und eine gestempelte Blaue Mauritius (Nr. XII), beide wohl in deutschem Be­sitz, und zu guter Letzt

die gebrauchte Orangerote Mau­ri­tius (Nr. VII) aus dem Museum für Kommunikation in Berlin.

1897 überließ der französische Händler Théophile Lemaire dem Reichspostmu­seum eine Rote und eine Blaue Mau­ritius zur Ansicht und Prüfung. Schnell wurde klar, dass der geforderte Preis für das Museum zu hoch sein würde. Al­lerdings nutzte man die Zeit, um in der Berliner Reichsdruckerei nach den Originalen zwei Kopien anfertigen zu lassen. Als das Museum diese Faksimiles daraufhin ausstellte, wurde dies vom Händler zu Recht mit Verwunderung und Empörung aufgenommen. Und auch das - vor allem angelsächsische - Ausland reagierte mit Spott und Häme darauf, dass das Reichspostmuseum sich die Originale nicht leisten könne und sich nun mit "billigem Strass" zu­frieden gäbe. Auch diese Reaktionen wer­den das Museum dazu bewogen ha­ben, 1901 beziehungsweise 1904 schließ­lich doch die Originale zu erwerben und auszustellen. In der Aus­stel­lung wer­den die Original-Faksimiles aus dem Jahr 1897 nun erstmals wieder ge­zeigt und können mit den echten Vor­bildern verglichen werden.

Hochkarätig mit Kuratoren, Fachleuten, Spezialisten und fachkundigen Samm­lern aus dem In- und Ausland besetzt ist ein internationales Kolloquium, das am 2. September Fragen rund um die Post-Office-Marken beleuchtet.


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