70. Jahrgang

Auktionsberichte

Sammlung ERIVAN: „Das Spitzenstück für meine Spitzenfrau!“


27.04.2019 | Die Versteigerung der Briefmarkensammlungen von Erivan Haub dürfte ein Ereignis werden, das nicht nur innerhalb der Branche ein über Jahre gehendes Top-Thema sein wird. Über Jahrzehnte hat der Wiesbadener Unter­neh­mer vor allem postgeschichtliche Belege der Altdeutschen Staa­ten, aber auch anderer klassischer und semiklassischer Gebiete zusammengetragen. Mit viel Leidenschaft und Entschlossenheit entstand eine der wertvollsten philatelistischen Kollektionen weltweit, die nun wieder dem Markt zugeführt wird. Im Juni startet die Auktionsserie an vier Orten in Europa und den USA.


Sammler aus Leidenschaft

Erivan Haub, am 29. September 1932 in Wiesbaden geboren, verbrachte Kind­heit und Jugend auf einem Wald­bau­ernhof in der Nähe von Idstein im östlichen Taunus, etwa 20 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt. Dort kam er das erste Mal mit dem Brief­mar­ken­sammeln, das in seiner Familie Tradi­tion hatte, in Berührung. "Die Mutter meines Man­nes hatte Verwandtschaft in Belgien", erinnert sich Helga Haub. "Etwa 1946 kam ein Brief aus Brüssel an, dessen Frankatur seine Aufmerk­sam­keit weckte. Seine Mutter gab ihm fortan immer weitere Brief­marken. Sie hielt es für eine sinnvolle Beschäftigung in einer Zeit, die jungen Menschen nicht viel zu bieten hatte." Nach dem Abitur ging Erivan Haub für einige Jahre in die USA und durchlief verschiedene kaufmännische Ausbil­dungsprogramme. 1954 kam er nach Deutschland zurück und nahm ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Ham­burg auf. Kurz danach lernte er dort seine spätere Frau Helga kennen, die ebenfalls studierte. Dass ihn der Bazillus Phil­atelie damals schon längst infiziert hat­te, zeigt eine Epi­sode, die zu schön ist, um nicht er­zählt zu werden. "Bei ei­nem unserer ersten Treffen sagte mein Mann, er habe am Nachmittag noch einen dringenden Termin im Bahn­hofsrestaurant. Ge­meinsam gingen wir dorthin." Der dringende Termin entpuppte sich allerdings nicht als ein gutes Essen, das in der Nachkriegszeit nicht selbstverständlich war, sondern als Versteigerung des bekannten Auktionshauses Ed­gar Mohrmann. Haub erstand zwei, wie er sie beschrieb, "wunderschöne ba­yerische Brief­mar­ken", wahrscheinlich der Anfang seiner herausragenden Altdeutsch­land-Sammlung. Eri­­van und Helga Haub, die 1958 heirateten, besuchten in den folgenden Jahr­zehnten häufig Briefmar­ken­auk­tio­nen. "Wir haben die­se Ereig­nisse ge­mein­sam genossen. Ich habe für ihn ge­sammelt und ihn unterstützt. Zur Brief­markensamm­le­rin bin ich dadurch allerdings nicht geworden", bekennt Helga Haub. In späteren Jahren vertrat sie ihren Mann, der verhindert war, sogar auf einer Ja­kubek-Auktion in Hamburg. "Ich habe mich ganz hinten in den Saal gesetzt, damit mich keiner bemerkt. Erst als ich die 'Ochsenaugen' für meinen Mann er­steigert hatte, fiel dem Auktionator auf, wer der Käufer ist."

Als "Sammler aus Leidenschaft" be­schreibt Helga Haub ihren am 6. März 2018 verstorbenen Mann, als Ästhet, den die Schön­heit einer Marke oder ei­nes Briefes be­geistern konnte. Na­tür­lich verfügte er, wie nur wenige andere, über die finanziellen Mittel, sich sei­ne philatelistischen Wünsche zu erfüllen. Aber er wusste auch die Chancen zu nutzen, die sich zum Beispiel bei der Auflösung von Sammlungen ergaben. In den 1960er Jahren fing er an, mehr postgeschichtlich zu sammeln und sich auf seine Kerngebiete Altdeutschland, Schweiz, Österreich mit Lombardei-Ve­netien und USA, die ihm später zur zweiten Heimat wurden, zu konzentrieren. Daneben pflegte er noch andere Gebiete wie die Brust­schilde des Deut­schen Reiches und Zeppelinpost. Er sam­melte auch Phil­atelistisches aus Orten, zu denen er einen Bezug hatte, zum Beispiel Idstein oder Wiesbaden. Ob­wohl mit der Ge­schäftsführung der fa­milieneigenen Tengelmann-Unterneh­mensgruppe ab 1969 beruflich sehr stark beansprucht, fand er bei "seinen" Briefmarken Ent­spannung und Aus­gleich. "An jedem unserer Domizile hatte mein Mann sein Briefmarkenzimmer. Er hatte immer Sammlungsteile dabei, mit denen er sich bis tief in die Nacht be­schäftigten konnte. Am nächsten Mor­gen saß er wieder frisch an seinem Schreibtisch in der Firma", berichtet Hel­ga Haub. Bei einer Kruschel-Auktion Mit­te der 1970er Jah­re lernte er John R. Bo­ker kennen, der 1996 auf der ANPHILEX in New York als größter Philatelist der letzten 50 Jahre geehrt wurde. Fort­an trafen sich die Ehepaare Haub und Boker alle drei Mo­nate in New York und lernten sich besser kennen. Bei den Treffen wurde nicht nur über Briefmar­ken gefachsimpelt, obwohl es ohne na­türlich nicht ging. Boker bewahrte sei­ne Kostbar­keiten in einem Banktresor auf und erzählte bei dieser Gelegen­heit, wie seine Wahl auf eine bestimmte Bank gefallen war. "John R. Boker hat sich verschiedene Tresorräume in New Yor­ker Banken angesehen und immer ein Cent-Stück auf ein Papier gelegt", weiß Helga Haub. "Meist bewegte es sich, wenn eine U-Bahn unter dem Ge­bäude durchratterte. In der Bank, in der das Cent-Stück regungslos liegen blieb, hat er seine Briefmarken und Briefe schließ­lich deponiert."

Dass die Freundschaft zwischen den beiden Paaren dazu geführt hat, dass Bokers Altdeutschland-Pre­tiosen bei Heinrich Köhler in Wies­baden versteigert wurden, ist nur wenigen bekannt. Bei einem der Treffen fragte Boker, ob Haub ihm einen Auktionator für den Verkauf seiner Altdeutschland-Samm­lung empfehlen könne. Haub, der mit dem damaligen Köhler-Inhaber Volker Parthen schon lange befreundet war, sprach sich für das älteste deutsche Briefmarkenauktions­haus aus. Boker hat­te übrigens noch einen anderen Bezug zu Wiesbaden, denn dort war er nach dem Kriegsende 1945 als amerikanischer Soldat stationiert. Die ersten acht Boker-Auktionen zwischen März 1985 und November 1988 waren für Erivan Haub die Chance, die man als Samm­ler nur einmal in ei­ner Gene­ration be­kommt. Und er nutz­te sie! Natürlich wuss­te er, welche Schlüs­sel­stücke er unbedingt wollte. Aber er ließ immer Raum für spontane Käufe, weil die Schönheit eines Stückes es ihm angetan hatte. Emo­tionen spielten auch
bei dem Brief mit dem Baden-Fehl­druck, dem einzigen in privater Hand (das Pendantstück ist im Berliner Post­museum ausgestellt), eine entscheiden­de Rolle. Auf der ersten Boker-Auktion am 16. März 1985 kam die Weltsel­tenheit schon als 5. von insgesamt 272 Losen zum Ausruf. Startpreis waren 1,5 Millionen DM. Der Hammer fiel schließ­lich bei 2,3 Millionen DM. Nie zuvor war für eine Briefmarke mehr bezahlt worden als an diesem Früh­lings­tag in Wiesbaden. "Den Baden-Fehldruck hat mein Mann eigentlich nur wegen mir gekauft", erzählt Helga Haub. "Ich stamme aus Baden und bekenne mich zu meiner Heimat. Nachdem Erivan den Zuschlag erhalten hatte, sagte er zu mir: 'Ein Spitzenstück für meine Spitzenfrau!'." Haub engagierte sich auch auf den weiteren sieben Boker-Auktio­nen bis zum 12. November 1988 in her­ausragender Weise und wurde so zum "Haupter­ben" von John R. Boker. "Nun will ich aber für die nächsten acht Jahre Abstinenz üben", verkündete er auf dem abschließenden Festbankett. Da­ran gehalten hat er sich nicht. Konn­te er auch nicht, denn zwischen März 1991 und März 1992 folgten drei Preu­ßen-Auktion ex Boker.

Einmal im Leben

Auch in den Fol­ge­jahren investierte Eri­van Haub in seine Altdeutschland-Samm­lung, erwarb beispielsweise Spit­zenstücke aus der Elster-Sammlung 1997 bei Corinphila in Zürich oder bei der finalen Boker-Auktionsserie "Han­nover" 1997 bis 2000. Im übrigen pfleg­te er auch andere klassische Gebiete mit ähnlicher Leiden­schaft, etwa Lom­bardei-Vene­tien. Er konnte nicht nur wesentliche Raritäten aus der Samm­lung von Dr. Anton Jerger erwerben. Ihm gelang es auch, seine Kollektion mit den legendären "Dreizehn Andre­as­kreuzen" der ersten Ausgabe 1850 für Lombardei und Venetien erweitern und damit so etwas wie die Kronju­we­len dieses Sammlungsgebietes zu besitzen. In den letzten 100 Jahren sind Mar­ken mit anhängenden Andreas­kreu­zen nur vereinzelt angeboten wurden, was die Bedeu­tung der Menge unterstreicht. Auch das klassische Österreich hat Haub gesammelt und neben Spit­zenbriefen aus der Rothschild-Samm­lung einige der bedeutendsten Stem­pel-Selten­heiten akquiriert. Von der Altschweiz besaß er die Ikone, den Greif­fensee-Brief mit einer Buntfrankatur der "Zürich 4" und "Zürich 6" (zweimal). Neben weiteren Kantonals, u. a. einer Doppelfrankatur der berühmten "Bas­ler Taube", konnte er den Übergang und die Anfänge der Schweizerischen Bundespost mit Schlüsselstücken dokumentieren. Die frühen Bundespost-Brie­fe zeigen eine seiner Vorlieben: Fran­katuren nach Übersee. Die ersten Jahre in den USA prägten Haubs späteres privates und berufliches Leben, seinen Le­bensabend verbrachte er überwiegend auf seiner Ranch in Wyoming. Insofern überrascht es nicht, dass es ihm auch die klassische US-Philatelie angetan hatte. Von den Postmasters’ Provisi­onals, den provisorischen Brief­marken der Postmeister ab März 1945, besaß er ei­ne Reihe von Uni­katen. An erster Stelle zu nennen ist der berühmte "Blue Boy" von Alexandria. "Den Brief hat David Feldman vermittelt", erinnert sich Hel­ga Haub. "Er hat uns mehrmals in un­serem Haus im Süd­schwarzwald be­sucht, ehe er sich mit meinem Mann handelseinig wurde. Von seiner strammen Preisforderung ist er allerdings nicht abgerückt." Dass Haub schon früh wie ein "Social Phil­atelist" dachte, bezeugt u. a. ein Pony-Express-Brief, der an den späteren US-Präsidenten Abraham Lin­coln gerichtet ist.

Erivan Haub wusste es zu schätzen, wenn andere Sammler - sei es zu Leb­zeiten oder durch eine Verfügung nach dem Tod - ihre philatelistischen Schät­ze dem Markt wieder zugeführt haben. Das eröffnete ihm, aber auch anderen, die Chance, die eigenen Sammlungen weiter auszubauen. "Deshalb hat mein Mann schon Jahre vor seinem Tod be­schlossen, in gleicher Weise zu verfahren", sagt Helga Haub. Mit Span­nung werden die ersten sogenannten ERIVAN-Ver­stei­gerungen erwartet. Mit Span­nung auch deshalb, weil nur wenige wissen, was der Wiesbadener Unter­nehmer alles im Laufe von Jahr­zehnten angehäuft hat. Natürlich sind eine Reihe von Spit­zenstücken be­kannt, andere konn­te man immer in seinem Besitz vermuten. Aber es gibt auch viel kleineres und mittleres Ma­terial, das für überraschte Gesichter sorgen dürfte. Und Haub hat stets auch über seine Kernge­biete hinaus ge­sam­melt. Wenn ihn ein Stück wegen der Schön­heit begeisterte, hat er es gekauft. Außen­ste­henden war es bisher nur bei wenigen Gelegenheiten vergönnt, Spitzen­stücke oder Sammlungsteile zu sehen. So zeigte Haub seine Transat­lantik-Post der Altdeutschen Staaten, sauber aufgezogen auf Blätter, in einigen Rahmen auf der IPHLA 2012 in Mainz. 2016 be­geisterte er auf der Brief­marken-Welt­aus­stellung in New York die US-Phil­ate­listen mit der Früh­phase der US-Post­geschichte in zehn Rahmen. Auf der Oldenburg 2017 waren High­lights der Oldenburg-Philatelie ausgestellt. Darüber hinaus zeigte er wiederholt ausgewählte Stücke im Rahmen der 100 Top-Rari­tä­ten auf der Mo­na­-cophil, aber auch in den Räumlich­keiten der Royal Philatelic Society Lon­don. Die ganze Pracht der ERIVAN-Kol­lektion wird man in den Katalogen nach­schlagen können, die zu der Aukti­onsserie des Global Philatelic Network erscheinen werden. Los geht es am 1. Juni in Stockholm mit "Weltweiten Ra­ritä­ten". Eine Woche später lädt Hein­rich Köhler zu "Altdeutsche Staa­ten", wo u. a. der Baden-Fehldruck angeboten wird. Am 13. Juni folgen Österreich und Lombardei-Venetien bei Corinphila in Zürich. Den Abschluss bildet die Harmer-Auktion in New York am 22. Juni, in der auch der "Blue Boy" zum Verkauf steht. Die Versteigerungen sollen im halbjährlichen Abstand an verschiedenen Orten fortgesetzt werden.

Internet: www.stockholmia2019.se
www.heinrich-koehler.de,
www.corinphila.ch,
www.hrharmer.com


Bildbeschreibung: Konnten stundenlang über Briefmarken fachsimpeln: John R. Boker (links) und Erivan Haub, hier auf dem Festbankett anlässlich der ANPHILEX im New Yorker Nobelhotel Waldorf Astoria am 30. November 1996. In der Mitte sitzt Bokers Ehefrau Polly.

» www.heinrich-koehler.de

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